Austauschbarkeit

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Austauschbarkeit Angeber KonzepteEines der virulentesten Phänomene unserer guten Zeit ist die Austauschbarkeit. Die Geschichte eines Mannes, der um zwei Uhr nachts in einen schwulen Club in Orlando geht und fünfzig Menschen tötet, konkurriert mit dem ersten Spiel des DFB bei der EM. Das Attentat mischt sich auf Buzzfeed mit: You’ve Totally Been Making Banana Bread The Wrong Way Your Entire Life, 24 Products That Will Make You Say „Yaaaassss“ und 22 Things Every Hairy Girl Has To Deal With. Die Zeit, die bleibt, um etwas auf sich wirken zu lassen beträgt 160 Zeichen.

Ich fuhr mit Freunden aufs Land: Sternschnuppen, Glühwürmer, Kornblumen und ein See, den sie „Das blaue Auge“ nennen. Was wir heute gern Entschleunigung nennen, obwohl das Telefon in der Hand bleibt und zwei der Landflüchtlinge den Samstag über gearbeitet haben. Aber es war an diesem Ort, dass mir die Aufgabe zufiel, auf eines der Kinder aufzupassen, das dem Spiel am Abend nichts abgewinnen konnte. Ich schenkte ihm O-Saft ein, es vollendete eine Zeichnung und ich begann „Der kleine Prinz“ zu lesen, da ich den Text online schnell fand. Dabei kenne ich es auswendig. Als ich selbst ein Kind war, trug ich es herum, bis ich die Seiten mit Tesaband zusammenhalten musste. Ich rezitierte also und schaute nur manchmal nach einer genauen Wortabfolge. Nach jedem Kapitel, sie sind nicht sehr lang, fragte ich: „Mehr?“ Das Kind sagte: „Ja“ und deutete auf sein leeres Glas, also schenkte ich nach und las weiter. Die Episode mit dem Fuchs ist wohl die bekannteste. Tatsächlich findet sich in diesem Paragraphen eine recht akkurate Beschreibung einer Zivilisationskrankheit, die in American Beauty als Sediertheit bezeichnet wurde und in Fight Club als die Kopie einer Kopie einer Kopie.

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Von Prinzen und Füchsen

Der Fuchs sagt: „Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander und alle Menschen sind gleich. Das langweilt mich ein wenig.“ Um dieser Misere zu entrinnen, will er sich zähmen lassen und er weist sofort auf den ungemeinen Gewinn für sein Leben hin: „Siehst du dort die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Weizen ist für mich ohne Nutzen. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig! Aber du hast goldene Haare. Wie wunderbar es sein wird, wenn du mich gezähmt hast! Der goldene Weizen wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Brausen des Windes durch den Weizen lieben.“ Der kleine Prinz ist unwillig, er meint, dass er Freunde finden muss, worauf der Fuchs sachlich antwortet: »Man versteht nur die Dinge, die man zähmt. Die Menschen haben keine Zeit mehr, um etwas kennen zu lernen. Sie kaufen alles fertig in den Geschäften. Da es aber keine Läden für Freunde gibt, haben die Menschen keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, dann zähme mich!“ Wie gesagt, so getan, aber es gibt kein Happy End. Der kleine Prinz will weiter:

„Ach“, sagte der Fuchs. „Ich muss weinen.“
„Das ist deine Schuld“, sagte der kleine Prinz, „ich wünschte dir nichts Böses, aber du wolltest, dass ich dich zähme …“
„Gewiss“, sagte der Fuchs.
„Aber jetzt musst du weinen!“, sagte der kleine Prinz.
„Gewiss“, sagte der Fuchs.
„So hast du nichts gewonnen!“
„Ich habe die Farbe des Weizens gewonnen“, sagte der Fuchs.

„Ich habe die Farbe des Weizens“ gewonnen ist eine selten präzise Analyse, die die Mangelerscheinung unserer Zeit offenbart. Sie bezieht sich auf etwas, dass sich so wenig ersetzen lässt, dass der Ersatz ausreicht, um glücklich zu sein. Diese Art der Verschiebung findet kaum statt. Wir wollen das Ding an sich, zu dem wir aber keine Beziehung haben. Das neue paar Schuhe, das Stück Kuchen, Dinge, die wir in Geschäften kaufen können. Den Übersprung, dass wir mit einem Substitut zufrieden sind, tun wir selten. Mag sein, manchmal erinnert uns ein Song an einen Ex-Liebhaber oder ein Werbejingle an eine gute Zeit in den Neunzigern (mit Zott Sahnejoghurt sahnig fruchtig frisch hinein ins Weekendfeeling), aber es ist nicht genug, weil der Rest davon geprägt ist, dass wir alles austauschen können. Tinder und Grindr sind dafür wunderbare Beweise, wie unwichtig selbst die bedeutendste Chance ist, bei jemanden zu sein, der weiß, wie du deinen Tee trinkst. Das Gegenteil der Austauschbarkeit ist damit die Übertragung, also Metastasierung einer Verbindung, die wir nie wieder trennen wollen und die uns genauso glücklich wie elend machen kann, aber selbst das Elend ist irgendwie OK.

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Die Sicherheit der Austauschbarkeit

Das Ding an sich hat keine Seele, es ist ein Gegenstand wie Abermillionen andere auch. Es wird wichtig, wenn wir entscheiden, dass es uns wichtig ist, was immer auch heißt: es kann sich entscheiden zu gehen. Unsere Bereitschaft zur Austauschbarkeit definiert sich nicht allein über die Verfügbarkeit, sondern genauso über das Risiko, das eigene jämmerliche Herz, an etwas zu binden, das verschwinden kann. Ist das nicht ein wunderbares Paradox? Ist diese Zeit also gut, weil wir an nichts mehr glauben und damit auch nichts mehr richtig schmerzt? Oder ist diese Zeit schlecht, weil wir an nichts mehr glauben und darum auch nichts mehr richtig schmerzt? Die Goo Goo Dolls haben gesungen: Yeah, you bleed just to know you’re alive.

Der Schrecken der Austauschbarkeit ist die Austauschbarkeit, dass nichts so wichtig ist, dass es uns eventuell den Tag versauen könnte. Der Schrecken der Übertragung ist die Festlegung, dass der Fokus schmal wird und es sich auf einmal nur noch um uns dreht und jeder Berührungspunkt in meinem Leben irgendwie auch immer auf dich zurückzuführt. Was ist besser? Wir würden diese Frage einfach beantworten: „Tis better to have loved and lost than never to have loved at all“, aber so verhalten wir uns nicht. Das ist der Sound unserer Zeit, in der mir ein Freund erzählt, dass er mit seinen Kunden „Konzepte für Visionen“ geschrieben hat. Aber natürlich (inspired), Konzepte für Visionen, denn eine Vision muss doch wenigstens gegen die andere getauscht werden können. Wer braucht schon Weizen.

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Ich bin mir nicht sicher, wie lang ich noch erzählen kann, dass es mir wegen Orlando schlecht geht. Ab wann werden sie sagen: „Denk an etwas anderes.“ Der Club heißt Pulse, was darauf deutet, dass es nur um alles geht, das unser Blut durch unsere Adern pumpt. Der Anachronismus ist hinderlich. Warum sollten wir? Weil der kleine Prinz genauso stirbt, wie Lester Burnham und Tyler Durden, dessen Alter Ego alles zerstört, das austauschbar ist. Am Ende bleiben wir allein, ohne jemanden, mit dem wir wirklich hätten sprechen können. Würde es uns stören, würden wir es nicht ändern?

Die EM ist vorbei. Pulse ist anderthalb Monate her. Dieser Text ist bedeutungslos.

Alle Bilder© Angeber Konzepte