Bielefeld

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DSC_0874Als ich also nach Bielefeld gefahren bin, wurde mir andauernd gesagt: Diese Stadt gibt es nicht. Eine urbane Legende, die ihren Ursprung wohl, wie die meisten guten Dinge, während einer Partynacht gefunden hat. Ich kam in diese Stadt, um über die Storck Weihnachtsfeier zu schreiben und aus diesem Anlass, wann hat man schon die Chance, wurde mir von meinem besten Freund die Aufgabe gestellt, Beweise zu sammeln. Beweise also, dass es diese Stadt wirklich gibt, oder eben nicht. Es mag absurd klingen, aber während der ICE-Fahrt hatte ich das Gefühl, kein Ziel zu haben. Als hätte ich die Instruktionen meines Auftraggebers in irgendeiner Weise falsch verstanden. Immerhin, Bielefeld gibt es nicht. Als ich aber nun in dieser Stadt den Zug verließ und sogleich ein Bild vom Bahnhofsschild schoss und es meinem besten Freund schickte, dachte ich: das beweist noch gar nichts.

Nur ein Schild, nur ein Bild.

Wie es meine Art ist, kam ich zu früh an. Die Party würde erst um fünf Uhr starten. Also machte ich mich auf den Weg. Ich verneinte die Frage der Frau an der Hotelrezeption, ob ich einen Stadtplan brauche. „Nein, ich vertraue auf mein Glück.“

Nun lief ich also durch eine Stadt, die es an sich gar nicht geben soll und sah: Menschen, Häuser, Straßen, Hunde etc. Durchaus Leben. Durchaus Dasein und dennoch musste ich mich fragen: warum glauben so viele Menschen, dass es die Stadt Bielefeld gar nicht gibt? Natürlich. Es ist ein großartiger Scherz. HaHa. Ich stehe hier und bezweifle die ganze Existenz einer Großstadt. Obwohl ich mir sicher bin, dass es nicht so ist, ist es doch witziger zu sagen: es ist so, weil auch so viele andere sagen: es gibt sie nicht.
Versucht es ruhig. Sagt: Ich fahre nach Bielefeld und macht ein Trinkspiel draus. Jeder der sagt: die gibt es nicht, ein Schnaps. Auf keinem Weihnachtsmarkt wird man schneller betrunken.
Es wäre natürlich ein Hit, wenn sich Bielefeld in sein Schicksal ergeben würde. Aber leider ist das Stadtmotto: Bielefeld macht Spaß. Was mich zum Lachen brachte. Nicht aus Bosheit oder Argwohn, viel mehr weil: Bielefeld macht Spaß. Das kann man sich eigentlich nicht ausdenken. (Stadtslogans an sich sind eine wunderbare Quelle an Freude für alle, die Freude an Unsinn und Gedankenlosigkeit haben (Bochum macht jung, München mag dich und wunderbar größenwahnsinnig: Bonn. Die Stadt. usw.))

Wie dem auch sei, lief ich also durch diese Stadt und folgte den Schildern bis hin zu einer Burg. Ich schrieb meinem besten Freund: wusstest du, dass Bielefeld eine Burg hat? Ich schickte ihm Bilder der Burg und Bilder des Ausblicks von der Burg, von dem aus ich sehr gut Bielefeld sehen konnte, ausgebreitet vor mir. Dabei dachte ich mir: das beweist noch gar nichts.
Natürlich bin ich, was die Existenz oder auch Nichtexistenz von Dingen angeht, von meinem Philosophiestudium durchaus versaut. Man könnte mich an einen Tisch setzen und sagen, das ist ein Tisch und ich könnte noch Gründe finden, warum da eben nicht ein Tisch ist. Obwohl da auf jeden Fall ein Tisch ist. Diese Fragen sind nicht allein spiritueller Natur, sondern wichtig für das Anwendungsgebiet meiner Expertise: Marketing. Es sollte uns allen doch etwas bedeuten, dass ein Gerücht derart virulent ist, dass man keine Unterhaltung über Bielefeld haben kann, ohne den Hinweis, dass man an sich über nichts redet.

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So ist es

Mein Freund hat mir lange Zeit verboten, Produkte von Müller zu kaufen, mit dem Hinweis, dass das Nazis sind. Ich habe diese Behauptung damals akzeptiert. Natürlich, die Müllers, die sind Nazis. Und es war wiederum mein Freund, der mir sagte: die Müllers, das sind gar keine Nazis. Dass das Nazis sind, das ist ein Gerücht. Aber warum habe ich es überhaupt geglaubt? Sehr einfach, weil jemand, den ich liebe, gesagt hat: es ist so!
Und das ist doch das stärkste Marketing Tool, das uns allen zur Verfügung steht. Jemand sagt: es ist so.
Ich habe jetzt zwei Negativbeispiele genannt. Bielefeld? Gibt es nicht. Müller? Nazis. Es geht auch positiv. Volvo? Supersicher. Coca Cola? Lebensfreude. Axe? Mädchen. etc. Dass all dem evtl. die Grundlage fehlt steht nicht zur Debatte. Viel wichtiger: Wie bringen wir Menschen zu glauben, dass? Weil wir Menschen dazu bringen, zu sagen, dass… Nicht weil sie müssen, nicht weil sie sollen, sondern, weil sie eine gewisse Freude daran haben zu sagen, dass…
„Das ist meine Lieblingsserie und die musst du gesehen haben.“
„Dieses Buch musst du lesen, es ist ein Hit.“
„Diese Creme lässt mich aus dem Bett fallen und so aussehen, als wäre ich sieben Jahre jünger als ich mich fühle, wenn ich aus dem Bett falle.“
Mund zu Mund Propaganda also. Easy as shit. Und immer noch so schwierig in einer Zeit, in der Harald Glööckler unter manchen Menschen als authentisch gilt. Er ist es nicht. Er ist, wie wahr, wie wahr, eine Maske. Reine Leinwand, das Einzige, was ihn glaubwürdig macht, ist seine relative Offenheit darüber, dass er eine Maske trägt, was im Zeitalter des Social-Media-Realism immerhin etwas ist. And who cares about the difference anyway?

Es kümmert uns, weil es uns kümmern muss! Es kümmert mich, weil ich doch wenigstens an etwas glauben will. Ich möchte den Menschen doch nicht verkaufen, was ihr Leben nicht besser macht. Sondern viel mehr: ich möchte sie zusammenbringen, damit sie über etwas reden können, an dem sie Gefallen gefunden haben. Das Unsichtbare Komitee hat uns im letzten Jahr wieder einmal auf diesen Mechanismus hingewiesen. Dass wir nämlich tatsächlich alle ein wenig mehr sind, als leere Moleküle, die durch Einkaufszentren driften. Es gibt in uns das Potenzial zusammenzukommen, einander anzusehen und miteinander in die Welt zu treten und zu proklamieren: wir machen das jetzt so, wie wir das machen wollen. Und es sind diese Momente, in denen wir uns genuin wieder ein wenig menschlich fühlen, weil wir es gewagt haben, der Welt auch wirklich zu begegnen.

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Das muss das Ziel von Marketing sein: Menschen sollen sich begegnen und sich davon erzählen. Sollen zusammenkommen, sich austauschen. Der Rest in Makulatur. Wie das zu erreichen ist, das muss man aushandeln und entdecken. Es ist hart und nicht immer hübsch. Es steht an einer kritischen Demarkationslinie zwischen: was der Kunde will, was die Leute interessiert und was machbar ist. Aber dazwischen steht auch: ganze Städte verschwinden lassen, ein Buch zum Gespräch machen, ein Produkt an die Leute bringen, das so sehr in eine Geschichte eingebettet ist, dass sie diese Geschichte auch weitererzählen wollen.

Auf meiner Rückfahrt, ich las „Karte und Gebiet“ (ein wirklich tolles Buch, damit macht man aber mal gar nichts falsch) versteckte ich mich vor den Schaffnern und wurde nicht kontrolliert. Eine Art Hobby. Natürlich habe ich mein Ticket nicht storniert und habe es ordnungsgemäß abgerechnet. Aber für diesen einen Moment, als gefragt wurde: noch jemand zugestiegen?, war ich nicht da. Nicht wahrnehmbar, nicht anwesend und dennoch bin ich Teil dieser Geschichte. Ein wenig so wie Bielefeld.

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alle Bilder zeigen tatsächlich Bielefeld und gehören © Angeber Konzepte