Buhmänner*innen

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Wer schon seit längerer Zeit darüber nachdenkt, was Schwule mit Trachtenlederhosen gemeinsam haben, kann jetzt ganz einfach den Spiegel kaufen. Herr Fleischhauer vertritt dort nämlich folgende Meinung: Warum regen wir uns (die Gays, ihr wisst schon) eigentlich darüber auf, wenn uns jemand in unserem Jargon disst? Was soll’s, dass Winfried Kretschmann seine Feststellung, dass eben immer noch mehr Männer und Frauen heiraten als, sagen wir, Männer und Männer oder Frauen und Frauen, mit dem wowereitschen Powerslogan: „Und das ist auch gut so“, ziert. „Genau genommen schließt das Lob der Ehe gleichgeschlechtliche liebende Menschen nicht aus“, schreibt Fleischhauer. Solche „können heute in Deutschland heiraten“, nicht wahr. Wink, wink, hust, hust. Danke, setzen, sechs. Herr Fleischhauer das stimmt nicht.

Offensichtlich handelt es sich bei Ihnen um einen Mann, der sich niemals die Frage stellen muss, ob er die, die er liebt überhaupt heiraten kann und sich somit auch gar nicht fragen muss, ob andere, die nicht er sind, genauso den heiraten können, den sie lieben. Dass derartiges durch den Factcheck beim Spiegel kommt, ist natürlich gruselig. Es zeigt aber, dass Deutschland, zumindest gesetzlich, noch überhaupt gar nicht so weit ist, wie offensichtlich angenommen wird.

Natürlich kann so ein Mann süffisant darauf hinweisen, dass er als Münchner ja nichts dagegen hat, wenn Nicht-Bayern Lederhosen tragen. Was ja auch bedeutet, er ist eben ein bisschen cooler, als diese hippen Schwuppen in Berlin Mitte, die sich immer irgendwie aufregen müssen, obwohl nichts los ist. Wie z. B. wenn jemand sagt, dass es gut ist, dass Schwule nicht heiraten! Dürfen sie ja auch gar nicht.
„Ich bin schwul und das ist auch gut so“, ist ein Meilenstein. Ein Zeichen von Stolz und eine Kampfansage gegenüber einer Gesellschaft, die Homosexuellen nicht die gleichen Rechte einräumt. In der es schädlich und gefährlich war, wenn Leute „es“ wussten. Ein Fanal für eine unterdrückte Minderheit. Soweit ich das mitbekomme, gelten Bayern jedoch nicht als solche. Die Lederhose kann viel mehr als eine folkloristische Reminiszenz an eine Zeit gedeutet werden, in der Männer noch Männer sein konnten. In der ein Gentleman sagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“, um dann vor einem Kompagnon zu prahlen: „I grab them by the pussy“, ohne, dass Buhmänner*innen wie Alice Schwarzer oder Judith Butler um die Ecke kommen und rufen: „Was erlauben Strunz“.

Alle unsere Helden

Der Grund, warum Samatha Bee meine Heldin ist, liegt ganz einfach daran, dass sie Männern wie Herrn Fleischhauer sagt: Shut the fuck up. Sie ist die Ikone einer Zeit, in der die heterosexuelle, weiße Identität in der Krise ist. In der die Ahnungslosigkeit dieser Menschen enttarnt wird, über die Pocahontas gesungen hat: „You think the only people who are people, are the people who look and think like you“. Samatha zeigt, dass wir uns das nicht länger gefallen lassen. Wir Frauen, Schwule, Farbige, Ausländer. Inzwischen denke ich natürlich an den Film A Bugs Life, in denen die Heuschrecken auf einmal abgemeldet sind, als alle anderen merken, wir sind mehr als die. Natürlich kriegt der Mann da Panik, natürlich muss man sagen: Aber früher war das doch besser, kann das nicht so bleiben? Nein, denn früher war es niemals gut.

da fehlt mal wieder was

Noch ein einziges Mal werden alle Nobelpreise an Männer verliehen und bei den Oscars sind nur Weiße nominiert. Es wird noch ziemlich viele Kämpfe geben. Aber es hat begonnen, es bewegt sich alles, wir sind da, wir sind unsere Helden und wir erlauben es nicht, dass Sie und ihres Gleichen Herr Fleischhauer, mal wieder alles kaputtmachen, weil sie, mal wieder, keine Ahnung haben. Labt euch noch einmal an eurem Vordenker Donald, gönnt euch den Luxus, dass ihr uns nicht zuhören müsst, um eine Meinung zu haben, sagt noch einmal im Chor: „Schätzchen, Schwuchtel, Kanake“ und dann haltet mal ein Jahrhundert das Maul, damit wir den Bullshit wegräumen können, den ihr angehäuft habt.

PS: Lieber Herr Fleischhauer,
Ich will auch gar nicht sagen, dass ich jetzt mein Spiegel Abo kündige, das mache ich nämlich vielleicht nicht. Ich möchte jetzt nur, dass sie sich einmal schämen, damit sie vielleicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich schämt für das, was man ganz einfach ist. Eine Erfahrung, die ein paar von uns z. B. als Kind auf dem Schulhof schon längst gemacht haben.

FUN. Jesus & Goodbye

Bild: © Angeber Konzepte