Coming Out

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„What would I be without the anger I felt then. The anger I still feel, it ebbs or surges but is always there; whatvever it has kept me from, without it I would have lost myself altogether.“

Dies Zitat von Garth Greenwell aus dem Roman „What belongs to you“ steht exemplarisch für: The struggle is real. Die Wut ist echt, weil wir nicht dazugehören. Daniel Schreiber sagt dazu: „Jedes Mal, wenn politische Forderungen nach einer schwul-lesbischen Ehe mit dem impliziten Verweis abgetan werden, dass wir ja schon so viele Rechte hätten, erwacht meine emotionale Beschädigung. Jedes Mal steigt in mir eine unbeschreibliche Wut hoch, eine Wut, die mich schon mein ganzes Leben lang begleitet hat.“ Vielleicht ist es möglich, zu sagen: Jeder Schwule ist wütend. Woher die Wut kommt, ist einfach. Weil wir anders sind. Allein das Coming Out beweist es. Als prägende Performanz. Ich muss zugeben, dass ich anders bin, also: nicht so wie du. Du, der dann sagen wird: „Du bist anders.“ Greenwald geht so weit, zu schreiben: „Ohne diese Wut wäre ich nichts.“ Hat er recht?

Epic loneliness

Es ist ein scheinbarer Zufall, dass ich seit einem Monat an diesem Text sitze und diese Woche in der Huffington Post einen Essay entdecke: „Together alone. The Epidemic of Gay Loneliness.“ Er ist lang. Ich empfehle jedem, ihn zu lesen. Kurz: Die Erkenntnis der eigenen Homosexualität, und damit der lebenslangen Andersartigkeit, vollzieht sich entlang einer Selbstkontrolle, das eigene Image dem gesellschaftlich geliketen anzugleichen. Dieser Mechanismus ist dabei ein andauernder Stresszustand. Minimale Fehler, ein falsches Wort, die falsche Tonlage, eine verräterische Körperhaltung, werden dabei zu anhaltenden Traumata. Diese wiederum führen zu einem riskanten Lebensstil, Selbstzerstörung oder Depression. Michael Hobbes nennt es Einsamkeit, ich nenne es Wut.

Vom Coming Out wird in der Tat immer wieder wie vom Krieg erzählt. Diese Kriegsberichterstattung prägt die Queer Culture und unseren Charakter. Kein schwuler Youtuber ohne ein Video treffend betitelt mit: My Coming Out Story. Kein Buch, kein Film aus dem Sujet,  in dem die Grenze nicht mit dem Finger abgefahren wird. Dieser Text zählt dazu. Das Coming Out ist der Monolith, der uns nicht nur beweist, wer wir sind, sondern auch, wozu wir fähig sind und was uns andere antun werden. Es ist immer noch eine Umwertung aller Werte. Heimat, ist nicht mehr Heimat. Ich bin nicht mehr, wer ich bin. Sondern auf einmal einer, vor dem ich bis dahin Angst hatte und immer wieder Angst haben werde. Eine tatsächliche Performance, die nicht nur einen Menschen ändert, sondern die Art, wie er in der Welt lebt. Ein Leben, für das Rosa von Praunheim den treffenden Titel gefunden hat: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.

Wobei es nach dem Coming Out nicht besser wird. Vielmehr setzen neue Mechanismen ein. Der Wegfall der Normalität hinterlässt ein Vakuum und es ist nicht mehr klar, wohin es geht. Ich bin eben nicht mehr ich, sondern wer dann? Dazu folgen Warnungen von Krankheit, Ausgrenzung, Verfolgung, nachhaltigem Unglück. Die Queer Community findet darauf keine Antwort und ist oft damit beschäftigt, dem Klischee zu entsprechen. Sie ist tatsächlich oberflächlich und übersexualisiert. Auch das macht Hobbes klar. Wenn er weiß, wovon er schreibt, tanzen im Stroboskoplicht Kriegsheimkehrer, von denen 30-40 Prozent versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Die schillernde und bunte Partywelt, in der du Menschen siehst, die schöner sind als alle anderen, ist am nächsten Morgen nicht da. Wenn die Haare nach Rauch riechen und du einen Kater hast. Was bleibt, ist der Rest, der Weg zurück, wo dich niemand mehr gut genug kennt. Nicht einmal du selbst.

Divided we fall

Die Wahl von Donald Trump hat mich schockiert, weil ich in meinem Innersten davon ausgegangen bin, dass wir weiter gekommen sind. Ich habe gesagt: „Sie werden für ihn nicht stimmen. Jeder hat inzwischen einen schwulen Bruder, Kollegen, Freund, Mentor, Chef, Nachbarn, Sohn. Menschen, die sie lieben und denen niemals etwas Schlimmes passieren soll.“ Dennoch ist es geschehen. Wir reden über Fake News, Freihandelsabkommen und Einwanderer und dürfen nicht vergessen, dass mit Trump eine ultra rechte Regierung gewählt wurde, die bereits jetzt damit begonnen hat, das Leben von LGBTQ+ Menschen zu zerstören. Dies war kein Geheimnis. Und es war ein Beweis, dass wir immer noch alles verlieren können. Ich habe einen meiner besten Freunde gefragt, wie ich denn jetzt sicher sein kann, dass er nicht irgendwann gegen mich stimmen wird. Er war so wütend auf mich, dass wir Monate nicht miteinander geredet haben und er auch nicht Sylvester zu mir gekommen ist, wie in den Jahren davor. Es war von mir nicht fair und es war nicht gerecht. Mein Vorwurf hat treffsicher den falschen getroffen. Es war eine existenzielle Angst und darüber hinaus ist mir klar geworden, wie schwer es ist, nicht schwulen Menschen die prekäre Lage zu verdeutlichen. Vor allem, weil dieses Vorhaben heutzutage immer auch ein Angriff auf ihre Heterosexualität ist. Wie ist es, niemals Angst davor zu haben, dass jemand erkennt, wer man wirklich ist. Oder immer noch zu zögern, wenn einer fragt, „bist du schwul, oder was“, wenn ich mir einen Martini bestelle. Es macht einen geringen Unterschied, dass ich diese Frage kürzlich mit einem „Klar“ beantwortet habe. Ich habe gezögert.

Ich habe immer gedacht, es ist doch einfach. Ich erzähle es, du glaubst mir. Jetzt muss es eher heißen: Wir erzählen es und ihr glaubt, wir haben unrecht. Wie synthetisiert man die ganze Lebenserfahrung in einen Satz und sagt: „Es gibt eine Farbe, die du dir nicht vorstellen kannst und ich sehe sie die ganze Zeit.“

Semper Stereo

Über den Film Moonlight wird jetzt gesagt, er wäre der Brokeback Mountain des Schwarzen Mannes. Er wird als Befreiung gefeiert. Es ist auffällig, dass in beiden Filmen das Coming Out fast ausbleibt. Was nicht fehlt, ist die Gewalt gegen Homosexuelle. Das Andersartige besteht und wird wahr in langer Einsamkeit und Isolation. 

Natürlich bestätigen alle diese Werke Stereotypen. Genauso mächtig, wie der flamboyante Hochzeitsplaner. Die Unmöglichkeit bestimmter Menschen, ihre Homosexualität offen auszuleben. Das gilt für Cowboys genauso wie für Schwarze. Abgesehen von kurzen körperlichen Kontakten bleiben sie allein.
Deutlich besteht eine Verbindung zu dem Satz: „Ich habe nichts gegen Schwule, aber müssen sie es mir immer so unter die Nase reiben?“. Es geht um die Selbstverständlichkeit der Sichtbarkeit, wenn Sichtbarkeit auch heißt, du bekommst eins aufs Maul. Es muss deutlich werden, dass es immer noch Angst einflößend sein kann, als das gesehen zu werden, was man ist. Die Frage lautet also: Können wir glücklich sein?

Share it

Natürlich. Ich sehe es auf Instagram. Schwule Influencer ziehen ihre T-Shirts aus und machen Selfies vor dem Ozean oder im Fitnessstudio. Die Fähigkeit der körperlichen Reglementierung stellt das Glück sicher. Schönheit wird eine radikale Form der Anpassung, eine Art Mimikry. Weil ihr mich liebt, weil ich so schön bin, habe ich von euch nichts zu befürchten. Meine Andersartigkeit ist irrelevant. Vor allem, weil ich in L.A. oder Köln lebe.

In der Werbung haben Schwule auch immer mehr Präsenz als Symbol der Offenheit. Es ist ein Statement, das mal eben aus dem Ärmel geschüttelt wird. Sie dürfen inzwischen, neben anderen Lebensentwürfen, ihr standardisiertes Glück präsentieren. Blink and you’ll miss it.

Damit vollzieht sich eine notwendige Dialektik. Von der Wut in die Glückseligkeit in einer 30-sekündigen Montage. Was in dieser Zeit von der Gay Identität übrig bleibt, ist unklar. Auf der einen Seite ist die gnadenlose Oberflächlichkeit, die zu nichts zu gebrauchen ist und nur radikal in ihrer Langeweile. Maßlos entfernt von der wirklichen Erfahrung, weil man den Job nicht bekommen hat und keine Kinder adoptieren darf. Sie entspringt einer Erfahrung der Wut, die uns nicht loslässt, die sich genauso wenig durchhalten lässt. Links: eine existenzielle emotionale Katastrophe. Rechts: purer Konsum. Wer bringt mich jetzt zu den anderen?

Bring on the coming out

Das alles ist ungesund und eingefroren. Beides ist auf ironische Weise eine Wiederholung von Stereotypen, die als überwunden gelten. Und uns alle fertigmachen. Wir können nicht glücklich sein, wir sind alle wunderschön. Das ist keine Bewältigung und keine Freiheit. Die Andersartigkeit generiert Austauschbarkeit. Widerstandsloses Anpassen, Hindurchfließen, ohne Charakter. Das ist aber kein In-der-Welt-sein, also ein Da-sein, wie ich bin, weil ich bin, wie ich bin und nicht, wie ich denke, dass ihr mich am besten am Leben lasst.

Was sind die Chancen zwischen dieser Gedankenlosigkeit, vor der Hannah Arendt immer schon gewarnt hat, und einer Vergangenheit, die mit der Zeit nicht besser wurde?

Wahrscheinlich liegt der Trick, wie viel zu häufig, in der einfachen Tatsache, dass man sich Mühe geben muss. Mühe geben heißt: Über etwas anderes schreiben als ein Coming Out. Über etwas anderes arbeiten, als die Ablehnung, die Komplikationen. Das mag eine Herausforderung sein (ich werde ihr gerade nicht gerecht), wenigstens ist es nicht die Reproduktion von Hass und Einsamkeit, die nur wieder genau das ist. Ein Signal, dass du es nicht anders verdienst und auch nichts anderes auf dich wartet.

Mühe geben heißt: akzeptieren, dass noch nicht alles einfach ist. Dass eine Verantwortung für unsere Community besteht, die über unsere schönen Körper hinaus existiert. Es muss darum gehen, andere nicht abzulehnen. Das fängt immer mit uns an. Die Oberflächlichkeit, der Rassismus, das schiere Desinteresse aller Datingapps muss unser Feind sein. Die alltägliche Diskriminierung muss als diese benannt werden, auch wenn es hart ist. Es sind kleine Schritte, aber vielleicht finden wir ein Ziel. So etwas wie Heimat.

Bild: © Angeber Konzepte