Hässlich

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Hässlich can be so nice Angeber Konzepte

„You know what I hate about myself? That I know what people taste like. I know babies taste best“, ist die hässliche Wahrheit mitten im Herzen des Films Snowpiercer aus dem Jahr 2015 n. Chr. Hässlich ist dabei so ein geschicktes Wort. Niemals eine Tatsache, ewig subjektiv. Ein multipler Effekt mit ungewissem Resultat. Es gibt eine Menge Arten Hässlichkeit mit Implikationen von Moral oder Ästhetik bis hin zur Banalität. Es ist ein Massenphänomen, das sich in jedem Wohnzimmer findet aber von seinem Pendant Schönheit in die Nische gedrängt wird. Der Grund dafür liegt auf der Hand: während wir die ganze Zeit offensiv mit Schönheit bespaßt werden, scheint Hässlichkeit eher ein Ergebnis der Vernachlässigung, voll von Übel und verpassten Chancen.

Die Plakate, die Werbeunterbrechungen, all die Teenagerserien, sie konfrontieren uns mit einem Level an Attractiveness, dem gegenüber das Leben nicht standhalten kann, das aber nichtsdestotrotz für bare Münze genommen wird. Die Huldigung der Oberfläche ist dabei aber tatsächlich nicht viel mehr als Gedankenlosigkeit. Ein lebloses Statement, das mit jedem hysterischen Einkauf bei Primark oder Louis Vuitton erneuert werden muss, sonst fängt es (wie jeder Zombie) an zu stinken. All das deutet bereits darauf hin, wie einfach Schönheit zu konsumieren ist und wie sehr sie uns als Blaupause dient, um mehr zu wollen, voranzugehen ohne dahinter nach einem Zweck zu suchen, der über narzisstische Impulse oder Wahnvorstellungen von Unsterblichkeit hinaus geht. (Es fängt bereits an, dass das Wort beauty durch fake ersetzt wird, was deren Sinnverwandtheit andeutet)

Alles wird so schön abwaschbar, steril. Perfekt, um das Leben zu bereichern, ohne es zu verändern – das wohlige Gefühl des Biedermeiers in den Instagram-Accounts der Gegenwart. In diesem Grundzusammenhang wird Hässlichkeit zu einer Art Belustigung oder ein klares Zeichen von Hoffnungslosigkeit. (Als Beweis dafür dient sicherlich die Ausstellung Manifesto im Hamburger Bahnhof, in der der Horror des Lebens als Arbeiter im Essen einer Mandarine enttarnt wird. It’s ugly. That is all.)

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Boredom, Anxiety, Adele

„You know what I hate about myself? That I know what people taste like. I know babies taste best“, ist die logische Antwort auf das „fick mich“ der Schönheit. Es erweitert deren fast singuläre Dimension durch das notwendige Auffinden einer einfachen Wahrheit: das Leben ist nicht schön.

Um es anders zu sagen: Hässlichkeit ist widerständig. Sie hat ihre Facetten, damit sie überall hinreichen kann. Der Unterschied zwischen Grausamkeit, Langeweile oder Austauschbarkeit ist zu vernachlässigen. Es geht um die Hässlichkeit, die es beim Kaufen eines neuen Sneakers, dem Schauen eines YouTubeVideos oder der Verabredung auf einen Smoothie zu beachten gibt. Durch ihr adaptives Verhalten lungert sie nämlich überall herum, um uns bei der kleinsten Chance an die Verstellung des Lebens zu erinnern: wie gern wir nicht richtig hinsehen wollen, damit es weitergeht wie bisher. Das ist, ganz ehrlich, meistens ein fruchtloses Unterfangen. Es soll kein Vorwurf sein. Hässlichkeit ist ein produziertes Phänomen und eher eine Naturgewalt als ein rationaler Agent. Aber es ist eben auch die minimale Panik vor dem Einschlafen, weil klar ist, so geht es nicht weiter aber keiner wird die Richtung wechseln. Der Sound dieser Gedanken ist inzwischen düster. Dafür möchte ich mich nicht entschuldigen.

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Hässlich can be so nice

Die Hässlichkeit hat im Gegensatz zur Schönheit durch Wiederholung nicht an Bedeutung verloren. (saturated) Sie hatte gar nicht die Chance dazu. Hässlichkeit spielt man selten auf repeat. Gerade wenn andere sagen, dass wir abstumpfen liegen sie falsch. Hässlichkeit trifft uns, wir versuchen es nur abzustreiten. Aber ihre prekäre Position als Underdog macht Hässlichkeit relevant. Weil wir uns niemals an sie gewöhnen wollen, kommt durch ihre Produktion ein Feedback zustande. Reaktionen, von denen wir immer reden, aber die wir auch immer versuchen zu umgehen. (lol) Dazu braucht es Hässlichkeit, die nicht durch Schönheit gefiltert wird. Also weder Kitsch noch lächerlich ist. Hässlichkeit, für was sie ist. Laideur pour la laideur lautet der Slogan. Es geht doch immer darum, Menschen herauszureißen, ihnen eine tiefere Erfahrung bereitzustellen, über die sie sich austauschen könne.

Die auffällige Resonanz, die durch Hässlichkeit gelingt, birgt in sich das Versprechen, dass wir als Team etwas ändern wollen. Denn im Gegensatz zur Schönheit, die sich immer zu potenzieren versucht, arbeitet die Hässlichkeit an ihrer eigenen Abschaffung. „You know what I hate about myself? That I know what people taste like. I know babies taste best“, ist eine Tatsache, die wir nicht akzeptieren können. Sich der Hässlichkeit zu stellen bedeutet immer auch, deren Existenz zu untergraben und mit uns selbst eine gewagte Gegenwart zu schaffen, die nicht nur in unseren vier Wänden stattfindet, sondern draußen auf der Straße, in einem kommunalen Raum gemeinsam geteilter Erfahrungen. Dabei darf es sich nicht um die Metamorphose zur Schönheit handeln, wir reden nicht von einer Dichotomie, sondern in ein Stadium, das ganz einfach weniger hässlich ist. Es geht nicht darum, das Ungemach des Alltags zu leugnen, sondern es zu akzeptieren. Keine Verstellung, sondern Bereitschaft.

Es ist nicht möglich zu sagen, ob der Film Snowpiercer ein gutes Ende hat. Wahrscheinlich kommen alle um. Die Lektion kann sein, dass es nicht immer weiter gehen muss. Dass die Schönheit es nicht wert ist, wenn dazu das Hässliche verleugnet und nur nach seiner Nützlichkeit bewertet wird. Aber eines lässt sich ableiten. Wir lassen uns durch Hässlichkeit motivieren. Sie spricht ein Verständnis in uns an, dass wir uns mit dem, was uns geboten wird, nicht abfinden müssen, sondern die Wahl haben, ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Ich stelle mir das vor. Wie hässlich.

 

Alle Bilder © Angeber Konzepte