Mixtapes

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Mixtapes genealogie

Früher habe ich Mixtapes gemacht. Heute mache ich Spotify Playlists. Über diesen Satz kann ich drei Seiten schreiben. Oder ich akzeptiere, dass jeder die inhärente Bedeutung versteht. Der Wechsel von einer haptischen Ebene zu einer ideellen. Ich drücke Play and Record zu Drag & Drop. Von: Ich schenke dir diese Kassette, ich habe sie selbst beschriftet, das Cover ausgesucht und ausgeschnitten, zu: ein Facebook-Post auf deiner Page. Ich habe seit 14 Jahren keine Mixtapes mehr gemacht.

Wenn wir über die Konsequenzen der Digitalen Transformation reden, meinen wir auch das und Hundertmillionen andere Dinge, die wir als Rettung feiern und dazu als Untergang. Es handelt sich um eine Dialektik zwischen Entfremdung und Connection. Die absolute Katastrophe der besinnungslosen Reproduktion von Lügen über das gute Leben ergießt sich in die Erkenntnis: „Lifestyle bloggers insist to hundreds of thousands of followers that freedom looks like a white woman practicing yoga alone on a beach.“

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appLeben

Der wahre soziale Wandel entsteht durch die Erkenntnis von Zugehörigkeit. Während Grindr als Fleischmarkt fehlgedeutet wird, zeigt die App auch, dass Schwule überall sind, ob im Olympischen Dorf oder in Wanne-Eickel. Die neue Sichtbarkeit ist nur die Ouvertüre zur grenzenlosen Anerkennung. Der Sound der neuen Zeit lautet: du bist nicht mehr allein oder ganz einfach: #itgetsbetter.

Wie radikalisiert wir sind, bemerken wir in wunderbaren Romanzen, wie einem Wired Artikel, der die unergründliche Snapchat Etikette von Teens zu ergründen versucht. (It’s OK to send the same snap to a few friends, but it’s considered rude to send someone a snap privately that you’ve put on your story. “That’s the worst,” they all agree.) Social Media ist keine App, es ist Leben und es ist genug, damit ich mich alt fühlte. Digital vernetzt uns mit der randlosen Möglichkeit der Moderne und offenbart Freiheit. Komisch oder nicht korreliert diese Freiheit mit unbedachten Grenzen, derer wir uns bewusst sind, die wir aber nicht hinterfragen und auch nicht hinlänglich begreifen.

Wir werden alle zu Agenten, aber nicht von uns selbst, sondern einer ständig starrenden Masse, die uns evtl. einen Job geben wird oder mit uns schlafen will.

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benutzeroberfläche

Donald Trump ist darum der Kandidat unserer Zeit, weil er uns keine Zeit lässt, über ihn zu reden, während wir nur über ihn reden. Die besinnungslose Replizierung des Desasters ist unsere Kernkompetenz. Die Oberfläche ist unser Metier. Wir formen unsere Meinungen durch Spiegel Online Überschriften, deren Artikel wir nicht lesen.

Der Zug rast, wir sind alle drauf, die Richtung ist das Universum. Klar kommt jemand unter die Räder, dafür können wir nicht anhalten. Dass das Internet eine Sprache spricht, die wir nicht sprechen ist zweifelsfrei wahr. Sobald jemand sich einen Social Media Experte nennt, sollte man lachen. Was weißt du, das noch in fünf Minuten stimmt?

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hurra!

Wir bleiben ratlos zurück. Was wird besser? Was wird verloren? Vermissen wir es? Jeder hat die Chance zu sagen: Ich war hier! Eine Millionen hören zu. Jeder läuft Gefahr, niemals vergessen zu werden. Die Unsterblichkeit eines Memes. Archäologen werden in hundert Jahren darüber schreiben, welche Pornos der nächste Bundeskanzler gern gesehen hat. Denn unter der Fassade fließt der Styx in Form von Metadata, die nicht nur alles über uns weiß, sondern – viel mehr noch – auch weiß, wohin ich als nächstes in den Urlaub fahre. Hier, damit die Aufmerksamkeit erhalten bleibt. Ein Video der Modemarke Kenzo mit minimaler Relevanz zu diesem Text:

das bin doch nur ich

Ob Rettung oder Untergang, im Zentrum bleibt das Ich. Es ist die Mystik dieser Zeit, dass sowohl das Gute als auch Schlechte über die Auflösung des Selbst funktioniert. Der Satz: „Ich bin frei“ heißt auch: ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Die Chance in World of Warcraft ein Hexenmeister zu sein, bedeutet die Verlagerungen eines Aspekts meines Lebens in einen Avatar. Zu Ende gedacht ist jeder Social Media Auftritt eine Persönlichkeitsstörung. Eine schizoide Abspaltung einer Teilpersönlichkeit, die nicht ganz wir sind aber eben doch. Hier: das ist das Einzige, was ich euch von mir zeigen will. Hier: endlich kann ich etwas sein, was ich nicht für möglich gehalten habe. Das ist die Epoche des digitalen Realismus und jeder Klick ist unser ganzes Leben.

„But anyway, that isn’t really what I meant to say“ , wie die große Nina Simone gesungen hat. Es gibt keinen einfachen Weg aus dem Kaninchenbau, wenn überhaupt. Aber wenigstens können wir uns endlos amüsieren und zum Abschied gibt es dazu noch eine Playlist. Ein Memento für die Mixtapes von damals, als wir alle jung waren. Und wir singen: Hurra!*

*Full Disclosure:

  1. Der Text begann als Auseinandersetzung mit meinem Manuskript „Das Zeitalter der Unsterblichkeit“ und war ein schlechtes Vehikel, um die Playliste zu veröffentlichen, die ich beim Schreiben zusammengestellt habe. Der Text hat sich geändert, die Playlist ist geblieben.
  2. Alle Bilder zeigen Magazine, aus denen ich als Kind und Jugendlicher Seiten herausriss, um sie als Cover für Mixtapes zu verwenden.

 

Alle Bilder© Angeber Konzepte