Sichtbarkeit

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Sichtbarkeit Angeber Konzepte

Worauf wir unsere Aufmerksamkeit verwenden, ist eine interessante Währung, die sich in Sichtbarkeit rechnen lässt. Das Metier meiner Dienstleistung beschränkt sich fast solitär auf den Versuch, Leute dazu zu bringen, in die gewünschte Richtung zu blicken.

Über Marketing kann dabei jeder eine Menge widerliche Sachen sagen. Es ist eine omnipräsente Soundmaschine, die allerlei Bullshit produziert, für den sich hoffentlich jemand schämt, wahrscheinlich aber nicht. Denn wenn man gut darin ist, die Seele zu verkaufen, bleibt nicht mehr viel übrig, das nützliches Feedback geben kann. Kurz: schon der flüchtige Kontakt versaut den Charakter und jedes Learning verkommt zu einer Clickzahl.

Ein Faktor wird aber gern unterschlagen: Werbung macht Weltsicht. Klar, wir denken an Literatur, den guten alten Journalismus, Movies oder die Hitparaden, wenn wir am Puls der Zeit sein wollen. Es wird gern übersehen, welchen meinungsbildenden Charakter Marketing hat. Ich rede nicht von dem immer versprochenen ad hoc Effekt, (kaufen Sie Produkt A, teilen Sie Meinung B etc.) sondern viel mehr von einem immersiven Verständnis der Gegenwart, die uns umgibt. Gerade durch den FunFact, dass Werbung in den meisten Fällen ein Versprechen abgibt, wird die Dimension des Dargestellten relevant.

Buzzfeed und Sichtbarkeit

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Es ist geschickt, in diesem Zusammenhang Buzzfeed anzuschauen. Kaum sonst wo wird die schmale Linie zwischen Werbung und Nichtwerbung so gut verwischt. Was ein Advertorial ist und was nicht, ist bedeutungslos. Es ist ein Sud aus Katzenbildern, scharfen Männern, Kochrezepten und Persönlichkeitstests, die anhand einer Farbe darüber entscheiden, ob wir eher Zac Efron heiraten oder Hellen Mirren. Alles zusammengeführt in endlosen Listen, die sich allein durch ihre Austauschbarkeit hervortun. Ob uns das verleitet, ein Produkt zu kaufen, ist doch vollkommen egal und nur für die Buhmänner vom Presserat interessant.

Die Kompetenz dieses Geschäftsmodells enttarnt sich allein schon an den Nachahmern, die es immer mal wieder versuchen. Also wird Content generiert, der vollkommen bedeutungslos ist, dessen einer „Sinn“ die Ablenkung ist, der stetige Flow an Links und Likes, der uns davon abhält, den Laptop zuzuklappen und echte Freunde zu finden. Es geht nicht mehr um einen Blick hinaus, sondern um die datengenaue Erfassung der Gegenwart. Was sich hier als Meinung tarnt, ist nicht viel mehr als die erste Reaktion, nachdem man den neuesten Adele Song gehört hat.

Aber es ist nicht so einfach und wäre nicht, was es ist, wäre es nicht klug. Buzzfeed ist ein sich selbst bewegender Beweger, ein Perpetuum Mobile, das uns ständig daran erinnert, wie das Leben der anderen aussieht. Gerade diese Masse ist es, die den Appeal herstellt. Die Masse, die produziert. Die Masse, die produziert wird.

Es geht nicht allein ums Verkaufen. Es geht auch ums Auftauchen. Um die Sichtbarkeit – das ist keine Kampfansage, sondern eine Rebellion: wir geben Randgruppen Gesichter und Platz. Nicht als ein einmaliges: „was machen eigentlich die anderen?“ Sondern als aktive Anerkennung ihrer Existenz und damit einhergehend, als die Relativierung von ihrem Sonderstatus. Stories aus ihrem Leben, gemeinsam, mit allen anderen und denen, die wir kennen.

Nur noch so normal, wie alle anderen

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Wer sind diese Minderheiten? LGBTQ+, Einwanderer, Behinderte, Frauen, Menschen, mit verschiedenen Hautfarben, Nationalitäten und Glaubensausrichtungen. Es wird schon klar, ich meine nicht genau Minderheiten im eigentlichen Sinne. Nur jene, an die nicht zuerst gedacht wird, bei dem Entwurf einer neuen Kampagne oder eines neuen Einkaufszentrums. Es geht nicht um die Zahlen, es geht darum, wie diese Gruppen angesprochen werden und wie es ihnen erlaubt wird aufzutreten. In welchem Kontext und mit welcher Haltung.

Jede Art von Aufstand (#aufschrei #oscarsowhite #itgetsbetter) deutet auf den Unwillen hin, zu akzeptieren, wie es war. Ein Verschweigen, eine fremdbestimmte Narration wird immer weniger von denen akzeptiert, die merken, dass sie nicht mehr still sein müssen. Dass Compliance ein Hindernis ist auf dem Weg ins eigene Leben.

Im Tumult des Entertainments findet auf Buzzfeed eine nachhaltige Infusion von Gegenwart statt, die das Leben von Minderheiten auf einmal nicht anders behandelt als das Leben von Menschen, die früher einmal „normal“ genannt wurden. Die jetzt aber nur noch so „normal“ sind wie alle anderen auch.

Natürlich ist das eine Krise. Die Anerkennung anderer Entwürfe gelingt nicht ohne Blutvergießen. Es war sicherlich Richard Rorty, der klar machte, dass Literatur uns die Grausamkeit abtrainieren kann. Einfach dadurch, dass sie uns mit neuen Blickwinkeln konfrontiert. Dem Blickwinkel eines anderen, der nicht wir sind und der nicht lebt wie wir. Nichts anderes gilt jetzt. Die Sichtbarkeit dieser Stories führt zu deren Virulenz, deren Konsequenz wiederum eine neue Gegenwart ist. Es ist nicht Gleichheit, sondern Miteinander. Nachhaltiges Marketing muss diese Dimension aufgreifen. Buzzfeed ist die neue Ethik. Wer das nicht wahrhaben will, hat es ab jetzt schwer.

Sichtbarkeit ist der Slogan unserer Zeit, man kann auf die Chance des nächsten Shitstorms warten, aber dieser Starrsinn lohnt sich nicht. Zu sagen: „Jeder solle sich bitte seiner Verantwortung bewusst werden“, ist Wunschdenken, weil wir alle Zyniker kennen. Es muss nicht so weit gehen, Marketing durch eine moralische Komponente zu ergänzen und dennoch braucht es ein Bewusstsein dieser Dimension.

Das Ziel sind nicht klinisch reine Spots, die auf eine falsch verstandene Political Correctness zurück zu führen sind. Sondern um Abenteuerlust und durchdachte Konzepte. Immer zu sagen: „es ist nur Werbung“, ist clever und Trash. Faulheit von jenen, die Angst haben, auf Gold zu stoßen und tatsächlich etwas anzubieten, das auf einmal auf dem Spiel steht.

Es geht nicht darum, alles zu erfassen, sondern um das Begreifen, dass da mehr ist – ein Blickwinkel, den man nicht kennt, eine Erfahrung, die man nicht durchgemacht hat. Es ist der notwendige Wechsel von Unknown Unknowns zu Known Unknowns. Diversity ist damit keine Komponente, die man hinzufügt, vielmehr ist sie das Grundgerüst von gelungener Kommunikation. Eine Geisteshaltung und ein Signal für einen potenten Dialog. Noch mehr als alles andere ist Diversity eine Gelegenheit – geil.

Alle Bilder© Angeber Konzepte